Jennifer Sonntag denkt nicht in Bildschirm

Tastenkombinationen und Befehlslinien – digital teilhaben mit Fingerspitzen-Gefühl.

Leipzig (kobinet) „Wir denken nicht in ‚Bildschirm‘, wir denken in Tastenkombinationen, Befehlslinien, die rein gar nichts mit dem Agieren sehender NutzerInnen zu tun haben“, so beschreibt die Macherin der SonntagsFragen im mdr die Herangehensweise blinder NutzerInnen von Medienangeboten. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit der Inklusionsbotschafterin Jennifer Sonntag über ihre Erfahrungen mit der barrierefreien Nutzung von Angeboten in den Medien.

kobinet-nachrichten: Frau Sonntag, Sie sind im Bereich der Medien aktiv und viel unterwegs. Was bedeutet für Sie persönlich ein barrierefreier Zugang zu den Angeboten der Medien?

Jennifer Sonntag: Es ist für mich ein großes Geschenk, nicht nur Medienschauende, sondern auch Medienschaffende sein zu dürfen. Für mich als blinde Nutzerin bahnen mir Medienlandschaften wertvolle Zugänge zu Bildung, Kultur und Gesellschaft und dies weit über die Grenzen hinaus, vor die mich der Alltag behinderungsbedingt oft stellt. Moderne Technologien ermöglichen Information, Interaktion und Selbstbestimmung, egal ob wir nicht sehen, nicht hören, nicht gehen, nicht so gut lernen können oder einfach wunderbar „anders“ sind. Wenn wir den richtigen „Kanal“ finden, können wir überall dabei sein. Medien können aber diese Teilhabemöglichkeit auch ins ganze Gegenteil verkehren, wenn sie für uns nicht oder schwer zugänglich sind.

Ich moderiere ja seit 2008 die „SonntagsFragen“ für das MDR Fernsehen und möchte damit auch bewusst transportieren, dass Nichtsehen und Fernsehen sich nicht wiedersprechen müssen, dass wir Menschen mit Behinderungen an Smartphone und PC sehr frei und enthindert agieren können, wenn wir nicht durch virtuelle Barrieren ausgebremst werden. „Wir müssen draußen bleiben“, dieses Schild poppt leider sehr oft vor meinem geistigen Auge auf, wenn ich wieder einmal auf Angebote stoße, die nur von Sehenden für Sehende angelegt sind. Ich selbst bin schon berufsbedingt überdurchschnittlich oft darauf angewiesen, Videobeiträge zu sichten, Artikel zu recherchieren und mich medial auszutauschen. Medienvielfalt bedeutet für mich aber auch, dass wir nicht nur vielfältige Medienangebote haben, sondern auch vielfältige NutzerInnen. Auch wir Menschen mit Behinderung sind eine Zielgruppe. Untertitel, Übertragungen in Gebärdensprache oder Leichte Sprache und Audiodeskriptionen öffnen uns behinderungsentsprechend stetig neue Türen. Wichtig dabei ist, dass wir uns zeigen und uns einbringen, sonst können wir mit unseren Bedürfnissen nicht gesehen werden. Menschen ohne Behinderungen können sich oft nicht vorstellen, wie und warum wir Medien nutzen, wie wir ticken, was wir genau brauchen, auch wenn das für uns absurd klingt. Zu Barrierefreiheit, auch im Medienbereich, gehört Kommunikation und Begegnung.

Es ist ein großer Unterschied, ob ein Webseitengestalter etwas für oder etwas mit uns gemeinsam entwickelt. Diese Erfahrung mache ich immer wieder. Wir müssen mit an den Tisch, wir müssen ausprobieren, uns einmischen und ich würde mir wünschen, dass in den Abteilungen für Barrierefreiheit bunte Teams aus Menschen mit und ohne Behinderungen wirken. Manchmal wird die beste Absicht am Betroffenen vorbei gedacht. Mir ist sehr bewusst, dass nicht jeder unserer Wünsche sogleich realisiert werden kann und durch die Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche innerhalb unseres Senders habe ich gelernt, dass es viele, auch technische, Interessen zu berücksichtigen gilt. Aber wir sind auf einem guten Weg. Die Anliegen und Anregungen unserer blinden ZuschauerInnen gebe ich sehr gern weiter und kann sie gut nachvollziehen. Die großen Medienanstalten bieten auch oft einen Direktkontakt zum Publikumsservice an und konstruktive Rückmeldungen sind immer hilfreich und erwünscht. Ich persönlich freue mich natürlich über jede neue Hörfilmbearbeitung, bestehe aber in meiner Fernsehnutzung nicht auf permanente Audiodeskriptionen. Diese sind oft sehr viel aufwändiger als beispielsweise Untertitelungen. Deshalb genieße ich Sendungen, in denen ohnehin überwiegend gesprochen wird und ich bin bekennender Fan der neuen Angebote in Leichter Sprache. Sie stellt für mich einen echten Mehrwert dar. Leichte Sprache ist für mich wohltuender Klartext und der kann unserer Medienlandschaft nicht schaden.

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